Bsal-Ausbruch bei Feuersalamandern im Botanischen Garten Bielefeld
Julia Bindl
Der erst 2013 entdeckte, aus Asien eingeschleppte Salamanderfresserpilz Bsal ist verantwortlich für Massensterben von Feuersalamandern. Ausgehend vom Dreiländereck Niederlande-Belgien-Deutschland hat er in der Eiffel, im Ruhrgebiet und im Bergischen Land ganze Populationen weitgehend ausgelöscht. Nach bisheriger Kenntnis stirbt in der Natur jeder Feuersalamander, der sich infiziert. Der Pilz und seine Sporen sind, zumindest über einige Zeit, im Lebensraum auch ohne Salamanderwirt überlebensfähig. Leider breitet der Pilz sich immer weiter aus. Ende 2025 ist er auch in Bielefeld angekommen. In und um den Botanischen Garten Bielefeld lebt mit geschätzten 21.000 Tieren eine der größten bekannten Feuersalamanderpopulationen Deutschlands, die zudem besonders gut wissenschaftlich untersucht ist. Genau dort sind im Herbst 2025 einige Dutzend an der Pilzerkrankung verstorbene Feuersalamander gefunden worden. Eine Möglichkeit zur Behandlung im Lebensraum gibt es nicht. Es musste daher davon ausgegangen werden, dass auch dieses berühmte Bielefelder Salamandervorkommen in wenigen Jahren sehr stark in Mitleidenschaft gezogen oder ganz ausgelöscht wird.
90 % weniger Tiere als im Vorjahr
Erste Bestandsuntersuchungen aus dem Frühjahr 2026 durch die Universität Bielefeld haben gezeigt, dass 90 % weniger Tiere als in den Vorjahren gefunden werden konnten. Das muss nicht zwingend bedeuten, dass bereits ein Massensterben in diesem Ausmaß stattgefunden hat, deutet aber auf große Verluste hin, was auch plausibel erscheint. Feuersalamander ziehen sich zur Überwinterung oft in Gemeinschaftsverstecke zurück, wo die Tiere in großer Zahl dicht beieinander die kalte Jahreszeit verbringen – eine ideale Ausbreitungsmöglichkeit für den Pilz, der besonders erfolgreich bei kühleren Temperaturen durch direkten Tier-zu-Tier-Kontakt verbreitet wird. Möglicherweise ist also ein wesentlicher Teil der Bielefelder Feuersalamanderpopulation im vergangenen Winter 2025/26 bereits gestorben, und es steht zu befürchten, dass es zu noch weiteren Einbrüchen kommen wird. Immerhin wurden im Frühjahr 2026 aber auch noch gesunde erwachsene Tiere sowie zahlreiche junge Larven gefunden.
Backup durch Erhaltungszuchten
Noch gibt es also Hoffnung für die Feuersalamander im botanischen Garten.
Es ist nicht vorherzusagen, ob von Bsal befallene Biotope eines Tages wieder pilzfrei sein werden, ob Lebensräume gegen Bsal behandelt werden können, ob die Feuersalamander Resistenzen gegen Bsal entwickeln oder ob es eines Tages Möglichkeiten zur prophylaktischen Behandlung oder Impfung der Lurche geben wird. Deswegen hält Citizen Conservation es im Sinne des Vorsorgegebots für notwendig, Feuersalamander-Erhaltungszuchten von verschiedenen Lokalitäten aufzubauen. So können zu einem späteren Zeitpunkt Tiere, die genetisch dem ursprünglichen Vorkommen entsprechen, wieder angesiedelt werden, sei es zur Bestandsstützung der beeinträchtigten Populationen oder zur Neuansiedlung nach einem möglichen kompletten oder weitgehenden Verschwinden.
Die Techniken zur langfristigen erfolgreichen Haltung und Vermehrung über Generationen sind beim Feuersalamander gut bekannt. In einer Machbarkeitsstudie hat Frogs & Friends den dafür nötigen, überschaubaren Aufwand aus wissenschaftlicher Sicht umfassend dargestellt.
Ein Aktionsplan für den Bielefelder Feuersalamander
Gemeinsam haben Citizen Conservation, der Zoo Wuppertal und die Universität Bielefeld daher der Stadt Bielefeld einen Aktionsplan vorgeschlagen. Dieser umfasst folgende drei Empfehlungen:
1) Die Population im Botanischen Garten Bielefeld soll durch die Universität Bielefeld weiter engmaschig überwacht und untersucht werden.
2) Durch gezielte Entnahme von ca. 150 Larven und deren Aufzucht in menschlicher Obhut soll eine Reservepopulation in Menschenhand aufgebaut werden. Entsprechende Haltungseinrichtungen stehen dafür bereit, u. a. im Umweltzentrum Heerser Mühle, bei der Fa. Aqua Purist, in NRW-Partnerzoos und Zoos des Landeszooverbands NRW sowie durch private Fachleute der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) Regionalgruppe Ostwestfalen-Lippe. Private Spender sowie der BUND Bielefeld haben sich im Vorfeld bereiterklärt, sich an den Kosten für eine solche Maßnahme zu beteiligen.
3) Infizierte erwachsene Tiere, die in Menschenhand gelangen, sollen therapiert werden. Der Zoo Wuppertal verfügt über die Möglichkeit, eine fachgerechte Wärmetherapie durchzuführen, mit der infizierte Feuersalamander mit sehr guter Erfolgsaussicht geheilt werden können, und stellt diese zur Verfügung.
Bedauerliche Ablehnung
Mit Datum vom 3.6.2026 hat das Umweltamt der Stadt Bielefeld auf diesen Vorschlag geantwortet. Während es Punkt 1) zustimmt und unterstützt, lehnt es die Punkte 2) und 3) ab. Weil der Feuersalamander eine besonders geschützte Art nach dem Bundesnaturschutzgesetz ist, ist die Entnahme von Tieren, auch von Larven, verboten. Eine Ausnahmegenehmigung kann in begründeten Fällen durch das Umweltamt erteilt werden. Das Umweltamt der Stadt Bielefeld lehnt eine solche Ausnahmegenehmigung aber ab. Das begründet es zum einen damit, dass „die Erfolgsaussichten derartiger, aufwändiger Ex-situ-Maßnahmen völlig ungewiss“ sind, zum anderen damit, dass sich „in anderen betroffenen Regionen gezeigt hat, dass es Populationen gibt, die Bsal überstehen, gegebenenfalls bei reduzierter Populationsgröße“. In dem Schreiben heißt es zudem: „Es wird leider hinzunehmen sein, dass einige Arten im Zuge der Veränderungen der Natur- sowie Kulturlandschaft verloren gehen.“
Auch eine Behandlung infizierter Tiere lehnt das Umweltamt ab, mit dem Hinweis darauf, dass damit das Risiko des Verschleppens des Erregers einhergehe und eine Wiederfreilassung nach der Behandlung nicht erfolgversprechend sei, weil der Pilz noch im Lebensraum ist. Außerdem sei „eine Integrierung von behandelten Tieren in eine bestehende Erhaltungszucht nicht zu empfehlen, da es sich bei den Tieren zumeist um Individuen handelt, welche anfällig für den Pilz sind.“
Citizen Conservation nimmt die Antwort des Umweltamtes Bielefeld mit Bedauern zur Kenntnis und hält sie für bzgl. der genannten Punkte 2) und 3) für in der Sache verfehlt.
Warum Ex-Situ-Maßnahmen sinnvoll wären
Der Feuersalamander ist eine Verantwortungsart der Bundesrepublik Deutschland. Die Aussage, dass Arten eben aussterben, wenn Bedingungen sich ändern, wird dieser besonderen Verantwortung unserer Meinung nach nicht gerecht.
Die Stadt Bielefeld verweist in ihrem Schreiben darauf, dass sie intensive Bemühungen für den Erhalt von Amphibienlebensräumen unternimmt. Das begrüßen wir, nur nutzen solche Bemühungen bei einer invasiven Pilzerkrankung nichts, weil das Problem gänzlich anders gelagert ist. Der Pilz schlägt auch in gesunden, nicht beeinträchtigten Lebensräumen zu.
Es ist richtig, dass es heute noch ungewiss ist, ob eine spätere Wiederansiedlung bei einem möglichen Erlöschen der Population erfolgreich verlaufen wird. Das kann aber aus unserer Sicht kein Grund sein, sich diese Option nicht zumindest zu erhalten. Denn ist die Population einmal verschwunden, ist nicht einmal der Versuch einer Wiederansiedlung mit Tieren von diesem Standort möglich.
In jedem Fall aber ist gewiss, dass bestandsstützende Maßnahmen durch das Auswildern von gezüchteten Tieren einen positiven Effekt auf geschwächte Populationen haben können. Dies gilt umso mehr, wenn durch die rechtzeitige Entnahme von Gründertieren für eine Wiederansiedlung Tiere mit hoher genetischer Diversität zur Verfügung stehen, um die zu einem späteren Zeitpunkt womöglich stark reduzierte und daher genetisch auch massiv verarmte Population zu stützen.
Sachlich verfehlte Argumentation
Die Aussage der Stadt Bielefeld, dass sich „in anderen betroffenen Regionen gezeigt hat, dass es Populationen gibt, die Bsal überstehen, gegebenenfalls bei reduzierter Populationsgröße“, verzerrt die Erkenntnislage, denn ob von Bsal betroffene Populationen langfristig tatsächlich überlebensfähig sind, ist ungeklärt, da nicht bekannt ist, ob die – teilweise nur vereinzelten – Tiere, die nach einem Ausbruch noch gefunden werden, nachträglich zugewandert sind, durch statistischen Zufall überlebt haben oder womöglich tatsächlich mit dem Pilz leben können. Gleichzeitig ist ungeklärt, ob die Populationen beim Überleben nur von einzelnen Individuen angesichts des Verlusts genetischer Diversität überhaupt langfristig bestehen werden. Es wird allgemein angenommen, dass eine hohe genetische Diversität hilft, sich an verändernde Umweltbedingungen, etwa durch den Klimawandel, anzupassen.
Nach allgemeiner fachlicher Meinung hat die Entnahme einer begrenzten Zahl von Larven keinen messbaren negativen Einfluss auf eine Feuersalamanderpopulation. Unter natürlichen Bedingungen ist die Larvensterblichkeit sehr hoch. Dies gilt umso mehr, als die Tiere nach ihrer Umwandlung vom Larvenstadium zum Salamander mit hoher Wahrscheinlichkeit an Bsal erkranken und sterben werden. Die Voraussetzungen für eine Ausnahmegenehmigung vom Entnahmeverbot durch den besonderen Schutz des Bundesnaturschutzgesetzes sind daher nach unserer Überzeugung gegeben, sodass kein juristisches Argument gegen den Aufbau einer solchen Erhaltungszucht besteht.
Vielmehr wäre aus unserer Sicht die juristische Frage zu stellen, inwieweit es tierschutzrechtlich darstellbar ist, „offensichtlich erkrankte Tiere vor Ort zu belassen“, wie die Stadt Bielefeld empfiehlt. Die Frage könnte schnell relevant werden, wenn erkrankte Feuersalamander z. B. von Bürgerinnen oder Bürgern gefunden und gemeldet oder bei Monitoring-Maßnahmen aufgegriffen werden. Die Aussage der Stadt Bielefeld, dass „eine Integrierung von behandelten Tieren in eine bestehende Erhaltungszucht nicht zu empfehlen [ist], da es sich bei den Tieren zumeist um Individuen handelt, welche anfällig für den Pilz sind“, ist sachlich falsch. Es gibt nach bisherigem Kenntnisstand keine Feuersalamander, die nicht anfällig für den Pilz sind. Hingegen ist bewiesen, dass eine vollständige Heilung durch therapeutische Maßnahmen bei sachgerechter Behandlung möglich ist. Gegen die Integrierung solcher geheilten Tiere in Erhaltungszuchten bestehen keine fachlichen Bedenken.
Ein Verstoß gegen die Biodiversitätskonvention?
Ebenso stellt sich die Frage, inwiefern sich die Position der Stadt Bielefeld, dass „es leider hinzunehmen sein“ wird, „dass einige Arten im Zuge der Veränderungen der Natur- sowie Kulturlandschaft verloren gehen“, mit den von der EU ratifizierten Verpflichtungen aus der Convention on Biological Diversity (CBD) vom Weltgipfel 1992 in Rio de Janeiro sowie der im Naturschutzgesetz festgelegten Verpflichtung Deutschlands, die Biodiversität des Landes zu schützen, in Einklang zu bringen ist.
Artikel 9 der CBD stellt fest, dass Ex-situ-Maßnahmen fester Bestandteil als Maßnahmen im Kampf für den Erhalt der Biodiversität sind. Sie sind verpflichtend, wenn sie als Ergänzung zum Schutz einer Art in ihrem natürlichen Lebensraum als sinnvoll erachtet werden – dazu haben sich alle Vertragsparteien, also auch Deutschland, verpflichtet. Dieser Artikel 9 wird in der EU-Zoorichtlinie umgesetzt, wodurch Zoos zu Trägern der staatlichen Verpflichtung des Ex-situ-Schutzes bestellt werden. Diese wiederum haben Citizen Conservation mitbegründet, um ihre Aufgabe effektiv anbieten und erfüllen zu können, und sich im Fall der Bielefelder Feuersalamander auch selbst angeboten, Tiere für eine Erhaltungszucht zu übernehmen.
Die Untere Naturschutzbehörde (in der Stadt Bielefeld im Umweltamt integriert) kann unserer Meinung nach daher nicht eigenmächtig beschließen, eine relevante Population einer gefährdeten Art aussterben zu lassen, wenn ihr Überleben im angestammten Lebensraum nicht mehr gewährleistet ist, was im Fall der Feuersalamander des Botanischen Gartens unstrittig der Fall ist – genau diese Entscheidung wird in Artikel 9, Abschnitte c und d der CBD ausdrücklich verboten. Vielmehr wäre die Untere Naturschutzbehörde unserer Auffassung nach verpflichtet, Ex-situ-Maßnahmen und entsprechende Naturentnahmen zu initiieren, wenn sie selbst feststellt, dass die durchaus als relevant einzustufende Population der Bielefelder Feuersalamander gefährdet ist.
Nichts zu verlieren
Mit einer Ex-situ-Erhaltungszucht steht ein erprobtes Instrument zur Verfügung, um die Vertreter einer Population über mehrere Generationen zu erhalten, zu vermehren und somit „genetisch originalgetreue“ Tiere für spätere bestandsstützende oder Wiederansiedlungsmaßnahmen zur Verfügung zu haben. Die Entnahme von Gründertieren für eine solche Ex-situ-Erhaltungszucht wird keinen messbaren negativen Einfluss auf die noch existierende Population entfalten. Ein wesentlicher Teil des für eine Erhaltungszucht notwendigen Aufwands kann durch ehrenamtliches Engagement von Bürgerinnen und Bürgern sowie Institutionen wie Citizen Conservation erbracht werden. Außerdem kann eine solche Population in Menschenhand wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse auch in Bezug auf Bsal bieten. Aus unserer Sicht spricht daher nichts gegen, aber sehr viel dafür, einen solchen Versuch zu unternehmen.
Zukunft des Feuersalamanders in NRW
Julia Bindl
Seit April 2025 engagiert sich der NABU-Landesverband Nordrhein-Westfalen mit Förderung der NRW-Stiftung landesweit für den Feuersalamander. Die laufende erste Projektphase dient der Konzeption: Netzwerkaufbau, Flächenidentifikation und Maßnahmenplanung stehen im Vordergrund. Das Projekt ergänzt dabei das bestehende Bsal-Landeskonzept des LANUK.
Ein starkes Netzwerk
Die Resonanz auf das Projekt ist groß – und das Netzwerk wächst. Zu den Hauptprojektpartnern zählen der Landesbetrieb Wald und Holz NRW, der Waldbauernverband NRW, der Gemeindewaldbesitzerverband NRW und der Dachverband der Biologischen Stationen in NRW. Flankiert wird diese Allianz durch Biologische Stationen, Regionalforstämter, Untere Naturschutzbehörden und Universitäten aus ganz NRW. Die Einbindung der privaten und kommunalen Waldbesitzverbände ist für die naturschutzfachliche Arbeit in Waldökosystemen von besonderer Bedeutung. Über das Netzwerk werden repräsentative Maßnahmenregionen landesweit identifiziert.
Anlässlich des „Tags des Feuersalamanders“ am 3. September 2025 unterzeichneten die Projektpartner eine erste gemeinsame Kooperationsvereinbarung. Ein weiterer Meilenstein war ein Auftakttreffen mit der Zoogemeinschaft NRW am 3. Juni 2026: Zahlreiche zoologische Institutionen aus NRW haben ihre Beteiligung signalisiert. Geplant ist unter anderem die gemeinsame Gestaltung des Tags des Feuersalamanders, der Aufbau von Schaugehegen sowie die gezielte Unterstützung lokaler Maßnahmengebiete. Die weitere Konkretisierung dieser Zusammenarbeit läuft.
Wie geht es weiter?
Die Konzeptionsphase läuft bis Ende 2026. Ab 2027 soll die Umsetzungsphase starten. Physische Habitatmaßnahmen – Neuanlage und Renaturierung von Kleingewässern, hydrologische Optimierungen, Strukturverbesserungen im Landlebensraum sowie Straßenschutzmaßnahmen – bilden den investiven Kern. Module für Wissenschaftstransfer, Citizen Science und Bildung werden gegenwärtig ausgearbeitet. Öffentlichkeitsarbeit, Hygienemanagement und Ehrenamtseinbindung sind feste Bestandteile.
Parasitologische Untersuchungen an Feuersalamandern in Deutschland
Julia Bindl
Die Dynamik der Interaktionen zwischen Parasiten und Wirten ist ein Aspekt der Ökosystemforschung, der in jüngerer Zeit zunehmend Aufmerksamkeit in der Wissenschaft erlangt. Während Parasiten früher vor allem im Rahmen der Tiermedizin oder der Erforschung von Zoonosen untersucht wurden, gilt ihre Betrachtung als Bestandteil von Ökosystemen und Nahrungsnetzen in der aktuellen Forschung als entscheidend für das Verständnis ökologischer Prozesse.
Amphibien wurden zwar schon früh im Hinblick auf ihre Parasiten untersucht, doch kamen diese Studien in jüngerer Zeit weitgehend zum Erliegen, insbesondere im Zusammenhang mit dem anhaltenden globalen Amphibiensterben. Eine umfangreiche Entnahme von Wirtstieren ist heute kaum mehr möglich, ohne Populationen zu gefährden oder Schutzmaßnahmen zu unterlaufen. Dadurch entstand in Europa eine Wissenslücke hinsichtlich der Parasitologie von Amphibien. Diese zeigt sich in veralteter Taxonomie, einem Mangel an molekularen Daten und unzureichendem Wissen über Zwischenwirte und bleibt somit weit hinter dem Forschungsstand zu anderen Süßwasserorganismen zurück.
Dabei stellen Amphibien wichtige End- und Zwischenwirte für zahlreiche Parasiten dar, insbesondere für parasitische Würmer (Helminthen). Sie bilden häufig eine zentrale ökologische Brücke zwischen aquatischen und terrestrischen Lebensräumen und regulieren Wirtspopulationen.
Mit der neuen Bedrohung durch Chytridpilze und dem Aufkommen nicht-invasiver sowie molekularer Methoden zum Monitoring von Organismen ist das Interesse an der Parasitologie von Amphibien wieder aufgeflammt. Besonders die Parasitenfauna des Feuersalamanders, dessen Lebensweise und Reproduktion sich deutlich von denen anderer heimischer Schwanzlurche unterscheiden, wurde in der Vergangenheit nur vereinzelt untersucht, meist an wenigen Individuen einzelner Populationen. Untersuchungen an wildlebenden Populationen in Deutschland stammen überwiegend aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Vor dem Hintergrund ihres großen Verbreitungsgebiets, ihrer im Vergleich zu anderen heimischen Schwanzlurchen einzigartigen Lebens- und Reproduktionsweise sowie der Vielzahl an Unterarten und isolierten Populationen wäre eine erneute Untersuchung der Parasitenfauna europäischer Feuersalamander von erheblichem wissenschaftlichem Interesse.
Untersuchung auf helminthischen Parasiten
Um bestehende Wissenslücken zu schließen und eine parasitologische Untersuchung mehrerer Populationen des Feuersalamanders in Deutschland zu initiieren, werden an der Universität Duisburg-Essen – finanziert durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) – zunächst drei verschiedene Populationen auf ihre helminthischen Parasiten untersucht. Hierfür werden Tiere, die entweder dem Chytridpilz Batrachochytrium salamandrivorans (Bsal) zum Opfer gefallen sind oder im Straßenverkehr verendet sind, seziert. Auf diese Weise sollen bestehende Parasitendatenbanken um morphologische und molekulare Datensätze erweitert werden.
Die gewonnenen Informationen bilden die Grundlage für die Entwicklung von Monitoring-Methoden, die ohne die Tötung der Wirtstiere auskommen und somit auch die Untersuchung gesunder Feuersalamander-Populationen in Deutschland und Europa ermöglichen. Auf die taxonomische Bestimmung der nachgewiesenen Parasiten sollen weiterführende Erkenntnisse zu deren Lebenszyklen folgen, um ihre Rolle in den Nahrungsnetzen und Ökosystemen des Feuersalamanders besser zu verstehen. Darüber hinaus soll ihre potenzielle Eignung als Bioindikatoren für den ökologischen Zustand der Salamanderlebensräume bewertet werden.
In weiteren Projektphasen ist geplant, auch andere Amphibienarten und deren Parasiten in die Untersuchungen einzubeziehen. Erkenntnisse und bisherige Herausforderungen im Zusammenhang mit europäischen Amphibienhelminthen sowie eine umfassende Liste der bislang in Europa dokumentierten Helminthen und ihrer Wirte können in der ersten Publikation des Projekts nachgelesen werden: „Amphibian helminths in Europe revisited: taxonomy, threats, and ecological insights„
Alpensalamander-Kompetenzzentrum in Niedersachsen
Julia Bindl
True crime in den Bergen: Im Herbst 2024 wurden in einem Keller einer Privatperson in Deutschland mehrere Dutzend Alpensalamander behördlich beschlagnahmt. Sie waren zuvor illegal in den italienischen Alpen abgesammelt worden.
Es handelte sich um drei extrem seltene und vom Aussterben bedrohte Arten bzw. Unterarten dieser Amphibien: Lanzas Alpensalamander (Salamandra lanzai) ist die etwas größere Schwesterart des weiter verbreiteten Alpensalamanders (Salamandra atra) und wie dieser lackschwarz gefärbt. Der Aurora-Alpensalamander (Salamandra atra aurorae) dagegen kommt nur in einigen wenigen Hochtälern der norditalienischen Alpen vor, der Pasubio-Alpensalamander (Salamandra atra pasubiensis) sogar nur mit wenigen hundert Exemplaren in einem einzigen Tal in Nordwest-Italien. Beide Unterarten zeigen noch Reste der gelben Warnfärbung, die der gemeinsame Vorfahr von Feuer- und Alpensalamander aufwies.
Expertenwissen für den Artenschutz
Nachdem das dunkle Keller-Geheimnis gelüftet worden war, wurde Citizen-Conservation-Beirat Uwe Seidel, ein privater Terrarianer und ein Experten für die Haltung dieser Lurche, um Rat gebeten. Er reagierte umgehend und informierte Citizen Conservation, die Artenschutzorganisation für Erhaltungszuchten und Mitbegründerin von Feuersalamnder.NET. „Mir war sofort klar, dass diese Tiere einen unschätzbaren Wert für die Arterhaltung haben und unbedingt in ein Schutzprojekt gehören“, sagt Uwe Seidel.
Eine Rückführung in den ursprünglichen Lebensraum kam nach Rücksprache mit den zuständigen Artenschutzbehörden aus verschiedenen Gründen nicht in Frage. Gleichzeitig ist die Lage dieser Alpensalamander-Formen ohnehin schon so prekär, dass es zu ihrem Erhalt dringend geboten ist, ein Nachzuchtprogramm in menschlicher Obhut aufzubauen.
Aufpäppeln und Aufbauen
Zunächst einmal jedoch ging es darum, die Tiere, die zum Teil in sehr schlechtem Gesundheitszustand waren, überhaupt erst mal zu stabilisieren. Uwe Seidel nahm sich auf Bitte der Naturschutzbehörde dieser Aufgabe an. Über ein halbes Jahr lang päppelte er die in erwachsenem Zustand gerade einmal 15 cm großen Pfleglinge auf. Währenddessen suchte CC nach geeigneten Institutionen, die Willens und in der Lage wären, entsprechende Räumlichkeiten und Personal zur Verfügung zu stellen, um langfristig in die Haltung und Erhaltungszucht einzusteigen. Björn Encke, Geschäftsführer von Citizen Conservation und Frogs & Friends: „Ziel war es, das Risiko auf zwei Standorte zu verteilen, die in der Nähe von Uwe Seidel liegen sollten, weil wir auf seine Expertise in Sachen Salamanderhaltung nicht verzichten wollten. Dass sich der Erlebnis-Zoo Hannover und die Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen sofort entschieden haben, mitzumachen, war ein absoluter Glücksfall.“ Nach Zustimmung durch den für den Fall verantwortlichen Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) konnte mit den Vorbereitungen begonnen werden.
Hochgebirgsspezialisten im Bunker
Die aus Gebirgslagen stammenden Alpensalamander brauchen es kalt. Entsprechend wurde im Zoo Hannover ein Kellerraum vorbereitet – und in Sachsenhagen gleich ein ganzer Bunker. Florian Brandes, Leiter der Wildtier- und Artenschutzstation: „Auf unserem Gelände stehen eine ganze Reihe alter NATO-Munitionsbunker. In diesen liegen die Temperaturen ganzjährig zwischen 5 und 14 Grad. Das sind ideale Voraussetzungen für Alpensalamander, die eine kühle Haltung mit starker nächtlicher Absenkung der Temperaturen wie in den Alpen benötigen und auch noch einen großen Teil des Jahres in Winterruhe verbringen.“
Mit finanzieller Hilfe von Citizen Conservation konnte in wenigen Wochen eine Haltungsanlage aufgebaut werden, streng nach den Vorgaben von Uwe Seidel: „Wir wissen so gut wie nichts darüber, was Alpensalamander brauchen, um nicht nur gesund zu bleiben, sondern auch zur Paarung zu schreiten – da werden wir vermutlich einiges ausprobieren müssen, um zum Erfolg zu kommen.“
Langsame Fortpflanzung, schnell wachsende Gefahren
Die Fortpflanzung bei Alpensalamandern ist extrem langwierig. Diese Amphibien sind lebendgebärend. Sie bringen alle zwei bis vier Jahre nur je zwei Jungtiere zur Welt. Der Grund dafür ist die Kälte in ihrem Lebensraum. Im Hochgebirge steigen die Temperaturen nur wenige Monate im Jahr auf ein für wechselwarme Tiere zuträgliches Maß, den Rest des Jahres verbringen sie in Winterstarre. Diese Zeit würde nicht reichen, um Larven oder gar Eier abzusetzen, die sich dann im Wasser entwickeln. Angesichts dieser Wetteraussichten ist es also die bessere Wahl, nur sehr wenige Jungtiere direkt im Mutterleib auszutragen. Diese hochspezialisierte und zeitaufwändige Reproduktion macht den Alpensalamander gleich doppelt anfällig. Zum einen können Wilderer den Bestand durch das Absammeln auch von relativ wenigen Individuen empfindlich schädigen, zum anderen macht diese Anpassung an die Verhältnisse im Hochgebirge sie besonders empfindlich gegenüber klimatischen Schwankungen, wie sie in der Folge des Klimawandels zu erwarten sind. Hinzu kommt seit einigen Jahren eine weitere Gefahr durch den nördlich der Alpen grassierenden Salamanderfresser-Pilz, der in den Feuersalamanderbeständen Europas zu erschreckenden Massensterben führt. Verbreitet wird der Pilz auch über seine Sporen, die in Schlamm, an Pflanzen oder Tieren haften können – beispielsweise an den Schuhen von ebenjenen Schmugglern, die illegal Lurchen hinterherjagen.
Diese besondere Gefährdungslage war einer der Hauptgründe, warum die DGHT den Alpensalamander zum „Lurch des Jahres 2026“ bestimmt hat.
Kompetenzzentrum Alpensalamander im Feuersalamander.NET
Umso wichtiger ist die Erforschung und Vermehrung unter kontrollierten Bedingungen, um ein Aussterben vor unseren Augen zu verhindern, ganz besonders natürlich der am stärksten bedrohten beiden Lokalendemiten Aurora- und Pasubio-Alpensalamander und des ebenfalls nur kleinräumig verbreiteten Lanzas Alpensalamander. So erhalten wir die Option, möglicherweise später einmal Tiere wieder in geeigneten Lebensräumen ansiedeln zu können. Mit dem Kompetenzzentrum Alpensalamander in Niedersachsen ist hierzu ein erster Schritt getan.
Auch das von Frogs & Friends 2024 initiierte und mitbegründete Feuersalamander.NET hat sich von Anfang an auf die Fahne geschrieben, neben dem Schutz des Feuersalamanders auch den Aufbau von Ex-situ-Kapazitäten für seinen nahen Verwandten, den Alpensalamander, zu unterstützen. Das nun neu installierte „Kompetenzzentrum Alpensalamander“ ist ein wichtiger Meilenstein zu diesem ambitionierten Ziel.
Den gesamte Krimi rund um die gewilderten Alpensalamander und den Aufbau des Kompenzzentrums dokumentiert ein von Citizen Conservation produzierter Film, der von nun an frei abrufbar ist.
Ein Lichtschacht als Salamander-Arche
Julia Bindl
Das Gymnasium am Waldhof in Bielefeld realisiert eine ungewöhnliche Feuersalamanderhaltung – mit Unterstützung von Frogs & Friends und der HIT-Umweltstiftung.
Sebastian Gehring ist nicht nur Lehrer am Gymnasium am Waldhof in Bielefeld, sondern auch passionierter Herpetologe und Artenschützer. Auf der Suche nach geeigneten Orten für die Errichtung einer kleinen Feuersalamanderhaltung wurde er ausgerechnet im Keller seines Schulgebäudes fündig. Beim Blick aus den Fenstern, die streng genommen kaum der Beleuchtung, sondern eher der Lüftung des Untergeschosses dienen, wurde ihm klar, dass diese Lichtschächte eigentlich schon halb fertige Terrarien für Salamander sind – alles, was es braucht, ist etwas Licht sowie eine passende Einrichtung samt Drainage, um eine Überflutung bei Starkregen zu verhindern.
Auf diese Weise, so Gehrings Gedanke, könnte man in den Gängen des Untergeschosses der Schule zwei Schauanlagen errichten, die gleichfalls in die Außenwand integriert sind, und an den Wänden dazwischen auf die Bedrohung und Schutzbemühungen des heimischen Lurches aufmerksam machen. Nicht nur die Schulleitung war schnell überzeugt, auch Frogs & Friends fand die Idee super und beantragte gemeinsam mit Sebastian Gehring eine Förderung bei der HIT-Umweltstiftung. Die Zusage kam prompt, jedoch brauchte es aufgrund unerwarteter Baumaßnahmen ein weiteres Jahr, bis die Anlagen fertiggestellt werden konnten.
Damit ist nun das zweite Schulprojekt vollendet, das von der HIT-Stiftung in Zusammenarbeit mit Frogs & Friends unter dem Oberbegriff „Graswurzel-Archen“ realisiert werden konnte. Zuvor war bereits der Bau einer Freilandanlage an der Wilhelm-von-Oranien-Schule in Dillenburg unterstützt worden. Diese hessische Schule macht sich im Rahmen einer Kooperation mit der Universität Gießen seit Jahren um das Monitoring und unterstützende Larvenaufzucht ihrer lokalen Feuersalamanderpopulation verdient.
Wir hoffen, dass Projekte wie in Bielefeld oder Dillenburg im wahrsten Sinne des Wortes Schule machen. Auch dafür ist es wichtig, dass sich die Menschen und Institutionen, die sich zum Schutz dieser Art engagieren, enger vernetzen. Dies ist das wichtigste Ziel des Feuersalamander.Net. Wir sind dankbar, dies mit so großzügigen Partnern wie der HIT- Umweltstiftung und vielen anderen umsetzen zu können.





































